Bei der Durchsicht alter Unterlagen stieß ich auf einen Artikel zur Beisetzung eines Mannes, der mit seinem Wissen und Können einigen Neuenhagenern nach dem Krieg das Leben gerettet hat. Die Rede ist von Oskar Zeller. Nach dem Chirurgen wurde im Ortszentrum eine Straße benannt.
Geboren am 8. April 1863 erblickte er als Oskar Friedrich Heinrich Zeller in Uslar, einer Kleinstadt im niedersächsischen Landkreis Northeim nahe Göttingen, dass Licht der Welt. Sein Vater ist dort als Gerichtsvogt tätig, aus heutiger Sicht eine Mischung aus Richter und Gerichtsvollzieher. Sein Medizinstudium begann er an der Georg-August-Universität in Göttingen, wechselte dann später an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, der heutigen Humboldt-Universität. Dort promoviert er 1891 zum Doktor der Medizin. Nach seinem Studium bleibt er in Berlin und ist von 1890 bis 1895 als Assistenzarzt bei Eduard Sonnenburg, Chirurg und Leiter der Chirurgischen Abteilung des Krankenhauses Moabit.

Bereits 1896 weist ein Adressbuch Zeller als Spezialarzt für Chirurgie aus. Im Jahr 1908 zum Professor ernannt und 1917 als Geheimer Sanitätsrat in den Aufzeichnungen zu finden, lebt und praktiziert er weiter in Berlin. Jedoch ist er nie als Arzt an einem Krankenhaus angestellt. Während er Behandlungen und Operationen in seiner Privatklinik in der Augsburger Straße in Berlin ausführt befinden sich die Belegbetten im Augsburg-Sanatorium in derselben Straße.
Die Zeit des ersten Weltkrieges durchlebt er als Marinegeneralarzt und übernimmt im Laufe des Krieges die Leitung des Lazarettes in der Pfalzburger Straße in Berlin. Schon vor dem Krieg avanciert er immer mehr zum Spezialisten für Reitunfälle. Gerade die auf den Rennbahnen in Hoppegarten, Strausberg, Karlshorst oder Grunewald gestürzten Reiter mit verschiedensten Arten von Knochenbrüchen sind seine Patienten.
Weitestgehend unbekannt hingegen ist sein Hobby, das Bergsteigen, das ihm 1906 beinahe zum Verhängnis wurde. Die Besteigung des Weißhorn (4506 m) beginnend am Schaligrat (Südwestgrat) gilt übrigens auch heute noch als eine der anspruchsvollsten und grandiosesten Routen bei der Besteigung des Berges bei Wallis in der Schweiz. Obwohl alle drei Teilnehmer Mitglieder des Deutscher Alpenvereins Sektion Berlin sind und auch zuvor viele schwierige Touren, oftmals auch ohne Führer, unternommen haben, sollte die Besteigung am 7. August 1906 anders sein. Beim Erklettern einer Felswand stürzt eines der Mitglieder, zum Glück gesichert durch zwei Seile, in die Tiefe. Während die Sicherung ihn vor dem sicheren Tod bewahrte zog er sich dennoch neben mehreren Wunden einen Bruch des Oberschenkels zu. Erst am nächsten Morgen war es möglich sich zum Verletzten abzuseilen. Rufen und Laternenzeichen vom Standort in der Felswand brachten keine Hilfe, worauf man sich auf die hereinbrechende Nacht vorbereitete. Erst am folgenden Tag hörte eine Gruppe von Leuten am Fuße des Berges die Hilferufe. Wie sich später herausstellte hatten diese zwar die Rufe gehört, konnten aber niemanden in der Felswand ausmachen. Am Tag danach kam, diesmal suchend, erneute eine Gruppe in Richtung Berg und konnte die Verunglückten auch an der Felswand entdecken. Gemäß der Redewendung „Das Schicksal folgt seinen eigenen Wegen“ sollte sich aber auch an diesem Tag nicht das Blatt zum Guten wenden. Ein aufziehender Sturm mit heftigem Gewitter verhinderte die Rettung der ausharrenden.
Mittlerweile ohne Nahrung hielt man sich mit Bewegungen und Körperkontakt in der kalten Nacht warm. Endlich, drei Tage später am 10. August, gelang es, die gestrandeten zu Retten und das Unglück zu beenden.
Während der Luftangriffe der Alliierten auf Berlin im zweiten Weltkrieg wird Professor Zeller ausgebombt. Naheliegend ist für ihn die Umsiedlung an den Ort, welchen er schon aus seiner Zuneigung zum Pferdesport und seinen Patienten kannte. So lässt er sich in Neuenhagen nieder. Zu Beginn praktiziert er im Lazarett der Roten Armee in der Eichenallee (heute Rudolf-Breitscheid-Allee) Ecke Hohe Allee. Nach einem Brand in dem Gebäude eröffnet er in der Wilhelmstraße 27 (heute Prof.-Zeller-Straße) ein Behelfskrankenhaus wo er im hohem alter von 82 Jahren noch praktiziert. Assistenzärztin bei ihm zu dieser Zeit ist eine junge Frau die später selbst als Ärztin hier im Ort tätig ist, Dr. Gerda Liepe.
Gerade die Zeit nach dem Krieg, wo alles knapp ist, wertet seinen Verdienst an den Neuenhagenern auf. Fehlende Arzneimittel, behelfsmäßige Sterilisationsmöglichkeiten und Stromsperren waren damals an der Tagesordnung. Im Jahr 1947 begannen dann die Reparatur- und Umbauarbeiten am ehemaligen Herrenhaus des Union-Klubs worauf 1948
die Eröffnung des Neuenhagener Krankenhauses folgte.

Am 2. Januar 1949 verstirbt mit dem Geheimen Sanitätsrat Professor Dr. med. Oskar Zeller nicht nur ein im Ort und in seiner Berufswelt hochangesehener Mediziner, sondern auch ein geachteter, geschätzter und warmherziger Bürger unseres Ortes. Neben wissenschaftlichen Artikeln, die er für verschiedene Zeitschriften verfasste, findet sich sein Name auch in einer Reihe medizinischer Institutionen, von denen an dieser Stelle zwei genannt werden sollen: Ehrenvorsitzender der "Berliner Chirurgische Gesellschaft" und Mitglied der „Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte“.
Aber auch im Rennsport war er aktiv. So war er einige Zeit Vorsitzender des Vereins für Hindernis-Rennen. Eine Zeitung schrieb einmal, dass es kaum ein Schlüsselbein eines Jockeys gäbe, der in Berlin gestürzt ist, welches nicht von Professor Zeller wieder gerichtet wurde.
Seine letzte Ruhe fand Oskar Zeller auf dem Friedhof in der Rudolf-Breitscheid-Allee. Der Sarg wurde von den Jockeys Bruno Radach, Otto Schmidt, Rudolf Schmidt, Johann Starosta, Hans Berndt, Franz Müller, Bruno Ahr und Werner Krbalek unter großer Beteiligung zu Grabe getragen. Fast alle Trainer, Jockeys und Ärzte waren erschienen. Die Trauerrede hielt damals einer der bedeutendsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts, Professor Ferdinand Sauerbruch.
Nach seinem Tode wurde die frühere Wilhelmstraße, während des Krieges in Wilhelm-Gustloff-Straße umgetauft, in Professor-Zeller-Straße umbenannt. Noch heute existiert das Grab auf dem Friedhof. Memoria in aeterna (Zum ewigen Gedenken) an sein Wirken und Schaffen!
