Glockenturmzwiebel

Auf zu Vater Timm! – Die Förster-Baude in Bollensdorf


Es gibt immer wieder Neuzugänge im Archiv der Gemeinde und manchmal auch solche, die Bekanntes vollkommen neu erzählen oder zeigen. Ein solcher Zugang berichtete vom Restaurant und Café „Förster-Baude“ Reinhold Timm.

Ansichtskarte: Timm´' s Försterbaude im Jahr 1936 

Seinen Platz hatte das urige Etablissement in der Kleiststraße an der Ecke zur Goethestraße. Heute nicht mehr vorhanden oder erkennbar zählte es vor 1945 zu einem der beliebten Ausflugsorte in Neuenhagen. Begonnen hat alles im Kreis Meseritz, der heute in Polen gelegen ist.

Im Jahr 1867 erblickt dort Reinhold Timm als Spross einer alter Försterfamilie das Licht der Welt. Seine Ausbildung zum Förster macht er beim Grafen zu Dohna auf dem Gut Betsche. Nach einigen Anstellungen kommt er 1899 nach Bollensdorf, wo er als Revierförster eine Anstellung beim damaligen Gutsbesitzer Curt Kelch findet. Bei einem Arbeitsunfall verliert Timm bei Forstarbeiten durch ein Stück Holz sein rechtes Augenlicht.

Werbung aus dem Jahr 1931

Mittlerweile 61 Jahre alt ist dieser Unfall auch der Auslöser für das Ende der Anstellung. Von seinem Geld kauft sich Timm in Bollensdorf 1928, das in dieser Zeit parzelliert wird, drei Parzellen. Auf einer errichtet er die „Ur-Förster-Baude“. Sie ist eher ein kleines Sommerhäuschen mit Veranda. Am 16. Mai 1929 eröffnete er sein Restaurant, passend zur Umgebung errichtet. Ganz aus Holz, inmitten von Kiefern, vermittelt es das Flair eines Försterhauses.

Abgesehen vom Äußeren landhausartigen Aufbau ist auch die Inneneinrichtung aus natürlichen Rohstoffen. Stühle und Tische sind aus natürlich gewachsenen Baumteilen hergestellt. Eine Dokumentation beschreibt das Innere der Baude wie folgt: „Beleuchtungskronen, mit elektrischen Lampen ausgerüstet, hängen an der Decke und sind hergestellt aus den vom Förster Timm selbstgelegten Rot- und Damwild, dessen Geweihe dazu benutzt wurden.“ Unter anderen gab es einen Kronleuchter, hergestellt aus dem Geweih eines sogenannten 14 Enders. Auch an den Wänden finden sich verschiedene Geweihe. Makaber aber im jagdlichen Ambiente bedacht, so berichtet die Dokumentation, sind die „Garderobenhaken aus gebogenen Läufen von erlegten Rehen und Wildschweinen“.

Tanz im Außenbereich: Das Bild 1946 zeigt die nach dem Krieg verbliebene Tanzdiele

Aber nicht nur das Restaurant kündet vom früheren Beruf des Besitzers. Er selbst flaniert regelmäßig stilistisch in der Kleidung eines Försters nebst Hund und Pfeife durch das Lokal oder setzt sich zu den Gästen im Biergarten. Für viele der Neu-Neuenhagener, die sich im eingemeindeten Bollensdorf eine Parzelle gekauft hatten, befindet sich dort ein idealer Treffpunkt zum gemeinsamen Austausch. Praktische Tipps zur Gartengestaltung, der Laube oder dem Grundstück konnte man dort bekommen – man half sich untereinander.

In den Jahren nach der Eröffnung lässt Förster Timm, auch seine beiden Söhne ergriffen den Beruf, die Försterbaude erweitern. Weitere Räume, eine zweite Veranda und ein größerer Schankraum ergänzen das Vorhandene. Im Jahr 1933 bereichert eine „transportable Tanzdiele“ das Anwesen. Dazu gibt es einen Biergarten, einen „Tierpark“, bestehend aus einem Eichkater in einer Voliere, einen Hühnerhof und einigen Hunden auch einen Naturgarten. Zwischen Flieder und Blumen kann man dort Entspannung finden.

Familienfoto aus dem Jahr 1931: Reinhold Timm ist rechts zu sehen 

Aber auch die Freunde der Unterhaltung kommen nicht zu kurz. Tanzkapellen die zur Freude der Gäste aufspielen. Saisonale Veranstaltungen im Sommer oder im Winter und Weihnachten erfreuen die Besucher. Im Jahr 1937 kommt mit Bruno Wiencke nicht nur ein neuer Besitzer, sondern auch wieder eine Erweiterung des Hauptgebäudes. Ebenso 1939 mit dem Eigentümer Walter Moltrecht. In den 1940er Jahren macht leider auch der Krieg vor der Försterbaude nicht halt. Brandbomben legen das Hauptgebäude in Schutt und Asche. Vermutlich ist es auch der Tag, an dem die Warmbadeanstalt in der Wiesenstraße getroffen wird.

Der Eingang von der Kleiststraße zur Försterbaude im Jahr 1931 

Nach dem Krieg, Besitzer war damals Max Busch, verweigert die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) die Wiedererrichtung des Restaurants. So bleibt die Tanzdiele noch für einige Jahre offen für Veranstaltungen bevor auch sie verschwindet. Förster Timm selbst verstirbt 1952 in Neuenhagen. Die ehemaligen Timm´schen Grundstücke in der Kleiststraße sind heute neu bebaut. Geblieben ist neben alten Bildern und Werbungen auch der alte Wahlspruch: „Willst Du ohne Sorge sein, kehre in Timm´s Försterbaude ein.“