Glockenturmzwiebel  

45 Jahre Theater im Kino (TiK) – Gründung im Oktober 1981


„Das Kinder- und Jugendtheater „TiK“ unseren Neuenhagenern vorzustellen, hieße Eulen nach Athen tragen.“ Schrieb Ortwin Schubert, Ratsmitglied für Kultur, nach der Premiere von „Der Nackte König“ im Neuenhagener Echo 1983.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Ensemble bereits eine vollständige Spielzeit mit insgesamt acht Aufführungen des Märchens „Armer Ritter“, von Peter Hacks, hinter sich, die mit großem Erfolg, mehrheitlich ausverkauft, in den Edda-Lichtspielen, das über 320 Sitzplätze verfügte, über die Bühne gebracht worden waren.

Premierenankündigung im Neuenhagener Echo im März 1982

„TiK“ – Theater im Kino, im Herbst 1981 von Anke Canis gegründet, vereinte immer fast 60 Kinder und Jugendliche von acht bis achtzehn Jahren. Nur für Licht und Ton brauchte es Profis, die dem Ensemble über die Jahre die Treue hielten: Renate Grundmann, Sven Schlickeiser und Klaus Schmidt.

1983: Der nackte König

Alles andere wurde selbst gemacht: Bühnenbilder, Requisiten, Kostüme und für jedes Stück ein in liebevoller Handarbeit entworfenes Programm. Jeder der „TiKer“ hatte seinen festen Aufgabenbereich und entsprechende Verantwortung für das Gesamtprojekt. Als Probenraum diente zunächst ein Klassenraum in der Puschkin Schule für einzelne Szenen, später die Bühne der Edda Lichtspiele.

Im Laufe des Winters 1981/82 formte sich langsam aus einem Chaos, bei dem zeitweise nur Anke Canis als Regisseurin noch den Überblick hatte, eine Komödieninszenierung, bei deren Premiere und in den nachfolgenden Aufführungen Beifall auf offener Szene und am Ende stürmische Ovationen zur Regel wurden.

Alle Mitglieder des Ensembles brachten auf den Punkt volle Leistung. Ging trotzdem etwas schief, wurde improvisiert: Als die Schatzkiste von der Bühne fiel, sprangen der Ritter und sein Knappe kurzerhand in die Publikumsreihen und begannen eine Streiterei unter Einbeziehung der Zuschauer und der noch auf der Bühne befindlichen anderen Ritter, die ebenfalls rollengerecht reagierten, wobei der „Schatz“ wieder eingesammelt werden konnte. Die Zuschauer hielten alles für einen geplanten Gag und machten begeistert mit. Es gab Szenenapplaus.

Das Stück "Match" im Jahr 1984: Annett Jäger, Ulrich Ligdorf, Jörg Güßfeldt, Kathrin Rabe, Bettina Groß, Anke Canis  (v.l.n.r.)

Die Lokalpresse berichtete mehrfach, im Jugendmagazin „neues leben“ erschien ein mehrseitiger Artikel über die Truppe, „TiK“ wurde weithin bekannt. Trotzdem gab es keine Stars, keine Rivalitäten unter den Mitgliedern: Hauptrolle oder Hummel, Beleuchter oder Bühnenbildgestalter, man gehörte dazu. Das allein war entscheidend.

„Der Nackte König“, also die zweite Inszenierung, die wieder mit großem Erfolg vor ausverkauftem Haus im März und April 1983 gespielt wurde, vor einem Publikum, das bereits mit entsprechender Erwartungshaltung ins Theater gekommen war, die nicht enttäuscht wurde.

Höhepunkt jeder Aufführung war der letzte Auftritt des „Nackten Königs“, der dafür zuvor in ein selbst hergestelltes, ausgepolstertes, fleischfarbenes Kostüm schlüpfen musste, an das die Bühnenbildner eine aus einem rosa Gummihandschuh gefertigte „Nudel“ angenäht hatten.

Dieser Auftritt, den Ronny Thalmeyer nur zu gern zelebrierte, obwohl er in dem Kostüm gehörig schwitzte, brachte des Publikum regelmäßig zum Rasen.

Handschriftliches Programm mit Besetzungsliste aus dem Jahr 1983

Die „Nudel“ wurde nach der letzten Vorstellung abgeschnitten und zu Grabe getragen, eine fortan immer wieder zelebrierte Verabschiedung einer Inszenierung durch alle „TiKer“. „Der Nackte König“ war wohl die erfolgreichste Produktion, die auch Jahre später noch bei vielen in Erinnerung blieb, obwohl sie fragten: „Was spielen sie denn dieses Mal?“

Danach gab es eine Neuerung bei „TiK“: Während das bestehende und durch neue junge Darsteller erweiterte Ensemble an die Inszenierung von „Der Drache“ ging, die, wie gewohnt, im Frühjahr 1984 zur Aufführung gebracht werden sollte, machten sich die „Alten“, also achtzehn bis zwanzigjährige, selbständig.

Sie spielten „Match“, ein Gegenwartsstück von Jürgen Groß, zu diesem Zeitpunkt Autor am Maxim- Gorki-Theater in Berlin und – Neuenhagener, in dem fünf Menschen nach einem Mord im Fußballstadion vor der Polizei in eine Baubude flüchten. Die Schwierigkeit des Stückes lag darin, die Spannung unter den fünf Darstellern zwei Stunden lang zu halten und auf das Publikum zu übertragen. „Match“ feierte im Januar 1984 in Anwesenheit des Autors in den Edda-Lichtspielen erfolgreich Premiere und ging danach auf Reisen.

In den folgenden zwei Jahren gastierte „TiK“ an mehreren Universitäten und Hochschulen, spielte schließlich im Januar 1985 im Palast der Republik in Berlin, später auch zum Theatertreffen an den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt.

In den Folgejahren inszenierte Anke Canis mit dem sich jährlich verjüngenden Ensemble sehr erfolgreich in den Edda-Lichtspielen „Die Kinder“, von Peter Hacks, „Der Schatten“ und schließlich „Die Jungfrau von Orleans“.

Mit der „romantischen Tragödie“ von Friedrich Schiller bewies Anke Canis, dass sich junge Menschen im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert, durchaus klassische deutsche Literatur aneignen und publikumswirksam darbieten konnten, was sogar an der Humboldt-Universität zu Berlin anerkannt und zur Grundlage einer wissenschaftlichen Arbeit verwendet wurde. Am 4. Mai 1988 veröffentlichte „Der Neue Tag“ den Abschiedsartikel, in dem Dr. Horst Rocholl schrieb: „Jede Vorstellung war für die Zuschauer ein Erlebnis. Erfolge beflügeln. Die vielen Mitwirkenden haben im TiK nicht nur gelernt, vor einem großen Publikum aufzutreten, sie sind auch selbstbewusster geworden.“ 

TiK 1983 - Neuer Tag vom 07.04.1983

Tatsächlich ist die Liste der TiK-Mitglieder, die später in künstlerischen und öffentlichkeitswirksamen Berufen tätig wurden, lang. TiK hatte als Theatertruppe Vorgänger und Nachfolger in Neuenhagen, aber ein derartiger Erfolg, über Jahre hinweg, mit so vielen Mitwirkenden ist nie wieder erreicht worden.