Vom Schweizer Häuschen zum Il Castello über die Straße


Als die Straßen in Neuenhagen noch Nummern statt Namen hatten und neue Siedlungsbereiche den Ort nach und nach vergrößerten, war es von Nöten, die neuen Anwohner mit Lebensmitteln zu versorgen. Läden und gastronomische Einrichtungen bildeten lebensnotwendige und gesellschaftliche Mittelpunkte welche sich alsbald in den neuen Wohnbereichen nach ihrer Entstehung ansiedelten.

Nach der Vorlage des geänderten Bebauungsplanes für die Gartenstadt, den die Gemeindevertretung am 2. Juni 1910 bestätigte, begann die Bebauung des Bereiches zwischen der heutigen Rudolf Breitscheid Allee, Hönower Chaussee, der Ortsgrenze nach Hönow und der Grenze zur Nachbargemeinde Hoppegarten. Bereits in einer Übersicht über die bisher vergebenen Parzellen, welche der „Grundbesitzer-Verein „Gartenstadt Hoppegarten“ (Neuenhagen) e.V.“ 1913 herausbrachte, wirbt der Bäckermeister Thomas Czekalla für seine Feinbäckerei & Konditorei, die sich an der Eichen-Allee Ecke Straße 64, der heutige Dianastraße befand mit dem Hinweis „Empfehle meine vorzüglich im Geschmack und gut ausgeführten Torten und bunte Schüsseln sowie die verschiedenen Sorten Kuchen!“. Die Bäckerei selbst hat ihren Standort in der Dianastraße. Der Backofen, der im unteren Teil des Hauses seinen Platz hatte, wurde erst spät abgerissen und befand sich noch viele Jahre an seinem angestammten Platz. Da das Geschäft anscheinend einen guten Standort an der Verbindungsstraße von Altlandsberg nach Hoppegarten hat und sich die Backwaren des Herrn Czekalla wohl großer Beliebtheit erfreuten, wurde das Haus 1926 erweitert. Jener Eckteil, der den heutigen Eingang zum Restaurant beinhaltet, wird damals errichtet. Oben wohnt die Familie Czekalla und im unteren Bereich befinden sich Konditorei und Cafe. Neben den Konditoreierzeugnissen gibt es hier in der Bewirtungsstätte auch eine kleine Auswahl an Speisen und Getränken. Damals, so wie heute auch, war die Konkurrenz nicht weit vom eigenen Geschäft entfernt. In diesem Fall ist der nächste Bäcker nur zwei Ecken weiter zu finden. Im Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke zur Hohen Allee betrieb hier der Bäckermeister Wilhelm Spiegel seinen Laden nebst Backstube. Einer seiner Gesellen, Johannes Witt, macht 1932 in dieser Backstube seine Meisterprüfung und übernahm als Nachfolger von Spiegel das Geschäft. Diese Liaison hält aber nur zwei Jahre. 1934 erwirbt und übernimmt er dann das ehemalige Geschäft von Czekalla und betreibt dort seine Bäckerei und Konditorei. Den Krieg hatte das Gebäude ohne größere Schäden überstanden und ebenso die Besetzung durch die Rote Armee. Bereits kurz nach Kriegsende beginnt die Bäckerei wieder ihre Arbeit aufzunehmen. Durch den Umzug von Else Helmis, die 1947 noch das alte Schweizer Häuschen auf der bis dato anderen Straßenseite betrieb, in die Räumlichkeiten der ehemaligen Bäckerei Witt gelangt der Name „Schweizer Häuschen“ nebst Registrierkasse und Stühlen für das Restaurant an den Standort der bis heute vielen Neuenhagenern ein Begriff ist. Während Frau Helmis anfangs noch das Café und Herr Witt das Restaurant führt, übernimmt 1951 Alfred Bader, der als Geselle bei Witt war, die Bäckerei. Erst kurz davor wurde der Anbau an der linken Seite fertiggestellt. Neben zwei Fremdenzimmern im Obergeschoss beinhaltete der untere Bereich den Laden. Bäckermeister Bader ist hier bis 1959 tätig und zieht dann –  kurz davor wurde die PGH (Produktions-Genossenschaft des Handwerkes) gegründet – in die ehemaligen Räume der Bäckerei von Paul Schäfer in der Niederheidenstraße 92 um. Auch der Backofen, der noch aus den Gründungsjahren der Bäckerei stammte, ist nun nicht mehr zu gebrauchen. Die Verkaufsstelle im Schweizer Häuschen wird fortan von der PGH Backstube in der Niederheidenstraße beliefert. 1972 übergibt Johannes Witt das Restaurant an seinen Nachfolger Jürgen Hass. Dieser ist allerdings vielen Neuenhagenern eher unter seinem Spitznamen „Charly“ bekannt. Zusammen mit seiner Ehefrau führt er das Restaurant, nun unter der HO (Handelsorganisation) weiter. Den meisten ist bis heute das gute Essen in Erinnerung geblieben, das es dort gab. Geburtstage, Hochzeitstage, Betriebs- und Weihnachtsfeiern sowie Jugendweihe-Feiern wurden hier stets in einem passenden Rahmen und sehr gutem Essen abgehalten. Selbst an Renntagen zieht es manchen Besucher nach den Rennen noch auf eine Molle oder ein gutes Essen in das Schweizer Häuschen, das immerhin einen halben Kilometer hinter dem Bahnhof liegt. Mit dem Beginn der Wende zieht hier, wie bei vielen andern Betrieben auch, die Zeit einen Schlussstrich. Nach einem längeren Dornröschenschlaf, dieser dauerte ganze vier Jahre, begannen Anfang des Jahres 1994 erste Einrüstungen des Gebäudes. Nach einigem Hin und Her, die Gerüste wurden zwischendurch wieder entfernt, begannen dann im Mai 1994 die Umbauarbeiten, die im September des selben Jahres endeten. Vollkommen saniert und modernisiert und mit acht Gästezimmern erweitert, begrüßt es von nun an seine Gäste als Restaurant & Hotel „Villa Schweizer Häuschen“. Der historische Schriftzug der so viele Jahre über der Eingangstür seinen Platz hatte konnte leider nicht gerettet werden, zu sehr war er verankert. Seit 2006 trägt es nun den Namen „Il Castello“. Für viele alte Neuenhagener hat es seinen Namen Schweizer Häuschen nie abgelegt. Stets gut besucht gibt es auch heute hier verschiedenste Gerichte an einem Standort der in drei Jahren seinen einhundertsten Geburtstag feiern kann.

 

Autor: Kai Hildebrandt ist Neuenhagens Ortschronist und Autor mehrerer Publikationen über Neuenhagen und den Pferdesport in der Region.

 

Hinweis: In dieser Kolumne schreiben unterschiedliche Autoren über besondere Orte, spannende Geschichten oder einfach nur wissenswerte geschichtliche Begebenheiten, die Neuenhagen im Zeitverlauf zu dem gemacht haben, was es heute ist – die Heimat von fast 20.000 Menschen.

Foto: Schweizer Häuschen um 1930 – Archiv Dr. Erich Siek