Glockenturmzwiebel  

Neuenhagener Straßen


Straßennamen gab es schon im Mittelalter. Ab dem 18. Jahrhundert dann in verbreiterter Form. Oftmals wurden die Straßen nach Örtlichkeiten oder Handwerkern oder auch markanten Gebäuden benannt. Eine der zur Orientierung dienende Benennung war die Vergabe von den Namen der Orte, zu denen die Straße oder der Weg führte. Ein solcher Fall ist die Dahlwitzer Straße. 

Um 1915: Blick aus der Dahlwitzer Straße auf den Stern aus Höhe der heutigen Erich-Weinert-Bauten


Bereits 1722 findet man diese zwischen dem Stern und dem Abzweig nach Dahlwitz bestehende Verbindung auf alten Karten. Eine Straße so wie wir sie heute kennen ist sie nicht. Vielmehr handelte es sich um einen breiten Weg an dessen Rändern Bäume und Sträucher wuchsen. Eine derartige Form findet man noch heute in der Uckermark oder im Oderbruch. Seinen Anfang am Stern nehmend, erreichte man nach drei Kilometer die weiterführende Straße nach Dahlwitz. Genau genommen kam man damals in Höhe des heutigen Ärztehauses heraus, ungefähr an der Stelle wo heute die blaue Skulptur eines Reiters steht. 

Im Jahr 1867 durchtrennt die neu geschaffene Bahnstrecke der Ostbahn den bestehenden Weg. Eine Unterführung, so wie heute, gibt es erst ab 1902. Um seinen Weg fortsetzen zu können musste man an einer Stelle die Schienen überqueren. Dieser Weg war die naheliegendste Verbindung für die heimischen Rennställe zur Rennbahn in Hoppegarten. Immer wieder, so berichtet man, kam es an der Überquerung mit der Ostbahn immer wieder zu problematischen Vorfällen bei denen die Pferde vor den vorbeifahrenden Dampflokomotiven scheuten. Dies in Summe mit zunehmenden Einwohnerzahlen und ein stärker werdender Verkehr führen zur Anlage einer Unterführung am Bahnhof Hoppegarten. Nach dieser Veränderung, als auch der Erweiterung der Straße nach Birkenstein (der Birkensteiner Straße), wurde der Teil der Straße zwischen dem Graditzer Hof und der Einmündung am Ärztehaus nicht mehr erforderlich und verschwand aus dem öffentlichen Bild. Als Reitweg wurde er aber noch weiterhin innerhalb des Waldes genutzt. Während die heutige Dahlwitzer Straße eine reine Durchgangsstraße ohne verbindungsrelevanten Hintergrund ist, hat sie bis 1945, zumindest aus Sicht des Rennsports, einen bedeutenden Namen. Heute ist der wahrscheinlich prominenteste Bau der Straße das Einstein-Gymnasium. 

Beginnend am Stern kann ein kleiner Spaziergang durch die alte Dahlwitzer, wie sie umgangssprachlich gerne genannt, als kleine Zeitreise mit Fantasie gemacht werden. Erst ab 1913 ist die Straße vollständig zwischen dem Spreti-Gelände und der Auffahrt zum Graditzer Hof befestigt. Zwischen dem Stern und der Hönower Chaussee, wo früher ein kleines Wäldchen war, stehen heute die 1958 errichteten Erich-Weinert-Blöcke.

Um 1920: Blick auf den Rennstall Waldfried, heute Dahlwitzer Straße Höhe Walter Genz Straße


Als erstes erreichte man auf der rechten Seite den Rennstall des Gestüts Waldfried. Besitzer waren die Brüder Arthur und Carl von Weinberg, dessen Gestüt seinen Sitz einst in Niederrad, einem Stadtteil von Frankfurt am Main, hatte. Heute steht noch ein Haus aus dem alten Baubestand der Anlage an der Dahlwitzer. Die Stallungen und eine Villa gibt es nicht mehr. Nur ein Grundstück weiter befand sich das Haus (an der Ecke zum Amselsteg, rechte Seite) in dem einst der Chauffeur des Grafen Rudolf von Spreti, dem Schwiegersohn vom Arthur von Weinberg, wohnte. Das Gebäude wurde durch einen Bombentreffer zerstört. Auf der anderen Seite, heute neu bebaut, wohnte dort bis 1945 der Gärtner von Graf Spreti, Anton Saffran. Nur wenige Häuser weiter links hatte der Elektromeister Carl Brüning seine Firma. 

Dieser Richtung folgend erreicht der virtuelle Spaziergänger den Hellpfühle-Park. Einst Bleichplatz wird er 1931 zur Parkanlage umgestaltet. Vielen von uns ist er als winterlicher Vergnügungsplatz und Eishockey-Spielfläche bekannt. Kaum vorstellbar, dass man dort einst sogar baden konnte. Heute kaum noch bekannt ist die Tatsache, dass es eine Reihe von Teichen – beginnend am Dorfteich – gab. Deren unterirdische Verbindung reichte bis zum Wald an der katholischen Kirche heran. Überlieferungen zufolge soll das Wasser einst aus den Hellpfühle-Teichen unterirdisch abgeflossen sein und dafür gesorgt haben, dass die Wiese am ehemaligen Hort der Einstein-Schule heute sumpfig ist. 

Etwa 170 Meter weiter auf Höhe der Einmündung zur Ahornstraße befand sich auf dem Grundstück der heutigen Hausnummer 63 einst der Kolonialwarenladen von Otto Krüger. An der nächsten Ecke war die Praxis von Dr. med. Wilhelm Homann, heute Dr. Matthias Beier. 

Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße gab es früher eine Kiesgrube. Erich Bischof, einst Bürgermeister und auch Ortschronist, wusste folgendes zu berichten: Die dort früher einmal befindliche Kiesgrube fiel einem Neuenhagener Bauern bei einem Losverfahren (bei einer Zwangsversteigerung) zu. Anfangs ohne wirtschaftliche Bedeutung brachte sie dem Besitzer bares Geld, als der Kies beim Bau der Ostbahn benötigt wurde. Von 1930 bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war dann an dieser Stelle einer von zwei Neuenhagener Tennisplätzen. Um 1980 wurde dann die heute dort befindliche Turnhalle errichtet. Vielen ist noch der alte „Tenner“, wie der Platz damals oft unter den Jugendlichen genannt wurde, als wunderbare Spiel- und Rodelfläche in Erinnerung. Gleich gegenüber findet man den in den 1970er Jahren angelegten Sportplatz des heutigen Einstein-Gymnasiums. Haus D, so die offizielle Bezeichnung des Gebäudes, wurde 1909 als Krankenpavillon errichtet. Im Jahr 1919 wurde dann an dieser Stelle die Realschule eröffnet. 

Um 1930: Blick vom heutigen Einstein-Gymnasium auf die Kreuzung Linden- und Dahlwitzer Straße


Vis-à-vis sticht eine architektonisch wunderschöne Villa ins Auge. 1912 bis 1913 für den damaligen Direktor des Sanatoriums Dr. Paul Leubuscher nach dem Entwurf des Maurer- und Zimmermeisters Georg Liesegang errichtet. Das Gelände bis zum Wald, wo heute die Gartenstadt-Halle ihren Platz hat, gehörte in der Vergangenheit zum Zentralvorstand der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) der sich von 1955 bis 1990 dort befand. 

Einen Ruf über die Landesgrenzen hatte einst, ähnlich wie das Gestüt Waldfried, das Gestüt Graditz. 1908 bezog es hier die ehemalige Feigellshöhe. Diesen Namen hatte der Platz nach dem damaligen Besitzer des hier ansässigen Rennstalls, dem Rentner Erich Feigell. 1891/1892 hatte er auf dem Hügel seine Villa und Stallungen nach den Plänen von Georg Liesegang bauen lassen. Gleich Nebenan war der Hort der früheren Einstein-Oberschule zu finden. Im vorderen heute nicht mehr vorhandenen Gebäude waren Werkraum, Hort, Speiseraum und Küche untergebracht. In der zweiten parallel zur ersten stehenden Baracke befanden sich die Schulräume der Unterstufe. Errichtet wurden diese beiden Gebäude für die Deutsche Grenzpolizei. Diese kontrollierten damals Passanten und Fahrzeuge im Zusammenhang mit dem „Ring um Berlin“, der sich damals um Westberlin zog. Diese Kontrollen fanden an Straßenkontrollpunkten und auf Bahnhöfen statt. Geht man an den Zielpunkt den Weg weiter geradeaus so kann man auf dem heute noch vorhandenen Waldweg die Birkensteiner Straße erreichen. Es ist fast genau die Stelle, wo der weitere Weg einstmals die Schienen passierte.

Autor: Kai Hildebrandt ist Neuenhagens Ortschronist/Fotos: Archiv Kai Hildebrandt