Glockenturmzwiebel

Ein Holländer und der König von Württemberg in Neuenhagen


Der Teil von Neuenhagen, der seinen Namen einer Mühle verdankt und erst 1939 zum Ort hinzukam, ist heute geographisch am einfachsten mit zwei Begriffen zu erklären: Niederheidenstraße und Rewe.

Die Geschichte zu diesem Siedlungsbereich ist aber viel älter und auch recht interessant. 1797 brennt die alte Wassermühle in Dahlwitz ab. Diese befand sich in der Nähe des Standortes des heutigen Kaiserpavillon an der Alten Berliner Straße. Durch Abtretung einiger Rechte erhält der Müller ein Grundstück am heutigen Holländer. Zwei Jahre später entsteht dort eine Holländermühle. Besonderheit dieser Mühlenform ist der Drehbare Kopf der Mühle. Dieser kann mitsamt den Flügeln in den Wind gedreht werden. Eine andere Bauform ist die Bockwindmühle wie sie einst in Neuenhagen nahe dem heutigen Rathaus stand. Bei dieser Mühlenart kann die auf einem Sockel gelagerte Mühle im Ganzen in den Wind gedreht werden. 

Holländer im Jahr 1903: Auf dieser Postkarte wird der Damhirsch fälschlicherweise mit zwei M geschrieben (Quelle: Archiv Kai Hildebrandt)

Im Jahr 1815, zwölf Jahre nach der Anlage der heutigen Bundesstraße 1, lässt ein findiger Wirt das Wirtshaus „Damhirsch“ in der Nähe der Mühle errichten. Seine Intuition ist, dass wahrscheinlich Einige von denen, die am gegenüberliegenden Chausseehaus warten müssen, an warmen Tagen auch unter Durst und Hunger leiden könnten. Während sein Gasthaus zu Schöneiche gehört, steht die Mühle auf Münchehofer Boden. Später geht aber auch der Bereich mit dem Damhirsch an Münchehofe. Im Jahr 1897 gehört das Grundstück hinter dem Gasthof noch seinem Betreiber, dem Gastwirt Wilhelm Stege. Dieser lässt auf seinem Grund und Boden eine Villa nebst Stall errichten. Ausgeführt und entworfen sind diese vom Maurermeister Friedrich Hinze aus Friedrichshagen. Das Gebäude steht noch heute.

Aufgestockt und zu DDR-Zeit schmucklos verputzt, ist es vom Rewe-Parkplatz sichtbar. Alte Aussagen und Bilder beschreiben das Gebäude als wahre Schönheit. Zur heutigen Rewe-Seite befindet sich eine Treppe über der sich, getragen von Säulen, ein Balkon erschließt. Im Hof gab es damals einen Garten mit wunderschönen Rosenbeeten. Hinter der Villa teilt sich das Anwesen in drei Gehöfte, die im Ganzen zum Holländer gehören. Der erste Hof lag um die Mühle, der zweite Hof an der Villa und der dritte um den Damhirsch. 

Holländer im Jahr 1924: Das Gestüt hatte Weideflächen mit reizvoller Architektur im Hintergrund vorzuzeigen (Quelle: Archiv Kai Hildebrandt)

Bleiben wir beim Hof hinter der Villa. 1895 erwirbt der Trainer Fritz Althof diesen Teil und lässt sich hier als Trainer nieder. In jener Zeit trainiert er etwa für den Kaufmann Bruno Naumann. Zusammen mit dem Kaufmann Emil Seidel gründete er das Unternehmen Seidel & Naumann. Die in Dresden ansässige Firma produzierte neben Nähmaschinen und Fahrrädern auch Schreibmaschinen. Ein weiterer klangvoller Name unter Althofs Besitzern ist Prinz Ludwig von Bayern. Von 1913 bis 1918 war er der letzte König von Bayern. Zum Besitz des Trainers gehören ein Stall mit anliegender Wohnung und ein Nebengebäude. Nach Althofs Tod stehen dort die Pferde des Gestüts Weil. 1817 von König Wilhelm I. von Württemberg gegründet, besteht es bis 1932. Als Trainer für die schwarz-roten Farben fungierten auf dem Holländer Trainer Julius Lippold und nach ihm Trainer Frank Waugh. Erstgenannter war einst Lehrling bei F. Althof. Frank Waugh war ein Sohn des langjährigen und erfolgreichen Graditzer Trainer Richard Waugh. Rechts neben Althof befand sich die bereits erwähnte Gastwirtschaft. U-Förmig hinter dem Damhirsch gab es mehrere Gebäude. Unter anderem ein Wohngebäude, zwei Boxenställe, Scheune und weitere Wirtschaftsgebäude. 

Holländer im Jahr 1939: Eine Postkarte zeigt das damals sehr beliebte Restaurant an der Frankfurter Chaussee.  In diesem Jahr wird der Holländer und der Damhirsch durch Eingemeindung ein Teil von Neuenhagen  (Quelle: Archiv Kai Hildebrandt)

Während die Kneipe nach dem Krieg noch existiert, reißt man den Damhirsch und die Nebengebäude mit dem Umbau der B1 in den Jahren 1989 bis 1991 ab. Auf dem ersten Hof befand sich die alte Bockwindmühle. Kelch selbst hatte bereits diverse Umbauten an der Mühle in Auftrag gegeben. 1911 hatte er den oberen Teil der Mühle abtragen lassen um auf den verbleibenden Resten eine „Burgruine mit Aussichtsturm“ zu errichten. Jener Aussichtsturm wurde damals auch fertiggestellt. und war von weitem sichtbar. 

Im Jahr 1912 erwarb der ehemalige Rittmeister Curt Panse das Gebiet vom damaligen Bollensdorfer Gutsbesitzer Eduard Kurt Kelch. Panse errichtet auf dem ehemaligen Mühlengelände ein Pensionsgestüt. Neben Wohnhaus, dem Stallgebäude und den Wirtschaftsgebäude lässt er weitere Gebäude errichten. Stallungen, Wirtschaftsgebäude und eine Scheune. Das für die Pferde wichtige Wasser wird damals mittels einer Windturbine aus der Tiefe geholt. Elektrische Pumpen sind zu teuer und so entscheidet man sich für zwei Windräder. Eines hat seinen Platz auf dem ersten Hof, dass zweite steht weiter in Richtung Saalecker Straße. Die Konstruktion ist einfach. Mittels Windkraft wird eine Pumpe betrieben, die das Wasser in ein Reservoir befördert. 

Holländer im Jahr 1965: Zu sehen ist der Berufsreiter Günter Flint mit Balaton. Im Hintergrund ist der Rest eines alten Windrades zu sehen, mit dem das Wasser aus der Tiefe heraufgeholt wurde (Fotoquelle: Carola Flint/Fotograf unbekannt)

Im Jahr 1939 wird der Holländer und der Damhirsch durch Eingemeindung ein Teil von Neuenhagen. Hiernach wurde dann auch die Niederheidenstrasse begradigt. Über die Geschichte des Geländes 1945 ist bereits viel geschrieben worden. Kurz vor Ende des Krieges schickte Curt Panse als Kampfkommandant eine Truppe alter Männer und Jugendlicher, die den Ort gegen die anrückende Rote Armee verteidigen sollten, nach Hause.

Holländer im Jahr 1995: Quelle: Ländlicher Charme in der Nachwendezeit (Quelle: Carola Flint)

Was den Turm auf der Mühle angeht, wurde berichtet, dass Metallsammler, die nach Kriegsende die Gegend durchstreiften, das Metall am Turm entfernten und dabei auch die Holzkonstruktion beschädigten. Letztendlich stürzte der Turm daraufhin ein. Zu DDR-Zeiten werden so wie schon 1945 auf dem Holländer Rennpferde trainiert. Von 1965 bis 1980 ist dort der Trainer Rudi Lehmann tätig. Später sind auf dem Areal Eckart Gröschel und danach Uwe Stech als Trainer aktiv. Zuletzt trainierte Frederike Schloms in den Stallungen.