Glockenturmzwiebel

In Europa einmaliges Trainingsetablissement


Markant und für viele Neuenhagener vertraut, steht seit nunmehr 111 Jahren in der heutigen Hauptstraße 40-42 der alte Rennstall der Familie von Oppenheim. Diese hatte es im Bankgewerbe mit der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim zu Geld und Ansehen gebracht. 

Bei dem Rennstall handelte es sich, Grund war die nahegelegene Rennbahn, um eine Dependance des in Quadrath-Ichendorf (Rhein-Erft-Kreis, Nordrhein-Westfalen) gelegenen Gestüt Schlenderhan, das bis heute auf eine stolze 157-jährige Geschichte zurückblicken kann. Zusammen mit dem Rennstall Graditz und dem Rennstall Waldfried zählte Schlenderhan bis 1945 zu den erfolgreichsten Rennställen in Deutschland in dieser Zeit, die alle miteinander ihre Rennställe hier im Ort hatten. Allein 17-mal, zwischen 1882 und 1945 führt das Gestüt die Statistik der erfolgreichsten Besitzer an. 

Bevor man sich dazu entschloss einen eigenen Rennstall zu errichten wanderte der Rennstall förmlich durch Hoppegarten und Neuenhagen: Bollensdorfer Weg, Graditzer Hof, wieder Bollensdorfer Weg und Goetheallee waren die Standorte. Nachdem man sich bis 1913 zusammen mit dem Besitzer Richard Haniel einen Stall teilte waren die Pferde in den Stallungen der heutigen Parkresidenz Harry Brown in der Goetheallee 14 in Hoppegarten untergebracht. Nunmehr war es an der Zeit, sich einen eigenen Stall errichten zu lassen. 

Innenansicht des Schlenderhan-Stalls aus dem Jahr 2014 (Quelle: Archiv Kai Hildebrandt)


Fehlende, für die Sache geeignete, Grundstücke ließen die Wahl auf die damalige Adresse Königsallee 13-14 (heute Hauptstraße 40-42) fallen. Noch relativ unbebaut und nach hinten hinaus perfekt als Reitweg zur Trainierbahn gelegen, war dieser Standort mehr als ideal. Damals grenzte noch an die linke Seite das Grundstück von Nachbar George Leopold Dotti. Erst 1930, mit der Parzellierung des Dotti Geländes, entstand die heutige Lahnsteiner Straße. Auch war damals geplant eine Straße anzulegen. Diese sollte hinter dem Grundstück langgeführt werden, dort wo heute die Feuerwehr ihren Standort hat. Diese Idee verschwand mit den Planungen für einen neuen Gemeindefriedhof. Jener wurde dann aber wegen finanzieller Probleme nicht gebaut. 

Aber zurück zum Rennstall. Bauherr des Etablissements in Neuenhagen war Simon Alfred Freiherr von Oppenheim. Wie sein Vater Eduard von Oppenheim war er als Bankier tätig und führte auch die Passion seines Vaters, dem Gründer des Gestüts, weiter. Für den Neubau sah man ein Stallgebäude, zwei Nebengebäude und zwei Wohngebäude vor. Besonderheit aber war der Hauptstall: 122 Meter lang, 36 markante Fenster die aufschiebbar waren und damit dem Bau sein markantes Aussehen verliehen. Im Inneren glänzte das Gebäude mit 25 Boxen, 12 auf der einen und 13 auf der anderen Seite inklusive einer 274 Meter langen und etwa 4 Meter breiten Reitbahn. Diese war um die Boxen herum arrangiert, so dass bei schlechter Witterung die Bewegung der Vollblüter in diesem überdachten Ensemble möglich war. Die Pferdeboxen waren in der Größe von vier mal vier Meter großzügig ausgeführt und mit geteilten Türen, separat kippbaren Fenstern und einer Belüftung ausgestattet, die in der damaligen Zeit einzigartig war. Über den Boxen befand sich Räume zur Lagerung von Heu und Stroh und einem Raum der Platz für 800 Zentner Hafer bot. Dieser, in eine Öffnung im Boden geschaufelt, durchlief auf seinen Weg nach unten eine mit sieben Rüttelsieben ausgestattete Apparatur, die nach amerikanischen Patent den Hafer von Schmutz befreite. Während die zur Straße ausgerichteten Wohnhäuser auf der rechten Seite die Wohnung des Trainers enthielten, so befanden sich im Obergeschoß des linken die Wohnung des Futtermeisters und darunter Büroraum, Küche, Speise- und Aufenthaltsraum sowie Schlafräume der Lehrlinge. In dem linken Nebengebäude dahinter war eine Futterkammer und sechs Boxen eingerichtet. Im rechten Nebengebäude war eine Garage, ein Aufenthaltsraum, eine Waschküche, eine Futterküche, ein Wasserbad und eine Schmiede integriert. Hinter dem Stallgebäude, in Richtung Gruscheweg, gab es dann noch eine Scheune, eine Dunggrube und ein Stall für kranke Tiere. 

Nach der Eröffnung des neuen Stalles schrieb damals der Zeitschrift "Sport im Bild": "Neuenhagen kann sogar den Ruhm für sich beanspruchen das größte, modernste und zweckmäßigste Trainingsetablissement Deutschlands zu besitzen, eine geradezu großartige Anlage wie sie wohl in Amerika, kaum aber in Europa zum zweiten Mal zu finden ist." 

Bemerkenswertes Ensemble: Der Schlenderhan-Stall  im Jahr 1916 (Quelle: Archiv Kai Hildebrandt)


Der Stall entstand nach amerikanischem Vorbild. Der damalige Schlenderhaner Trainer John Hyland hatte den Bau dieser Kombination von Rennstall und Trainingsbahn angeregt, hatte er sie doch bereits in Amerika kennengelernt. Allerdings wirkten sich hier die klimatischen Unterschiede negativ aus, da der Stall in den Wintermonaten bei Minusgraden auskühlte. 1938 wurde dann ein Bauantrag zur Errichtung von zwei Holzställen mit je 14 Boxen eingereicht, die ab 1939 zur Verfügung stehen. Lange standen diese Holzställe jedoch nicht, da sie bei einem Bombenabwurf auf Neuenhagen ausbrannten. Bei diesem Angriff wurde auch das Trainerhaus von Phosphorbomben getroffen, worauf der Dachstuhl brannte. Im Spätherbst 1942 wurde Baron Waldemar von Oppenheim, Sohn von Simon Alfred und Inhaber des Gestüts, gezwungen, dieses und den Rennstall an die SS abzugeben. Nach der ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz von 1935 galten er und sein Bruder seit August 1940 als „Mischlinge zweiten Grades“. Bei der Unterzeichnung des Vertrages 1942 der die Übernahme des Gestüts und des Rennstalls besiegelte, gelang es Waldemar von Oppenheim, einen Brief zu erwirken der den Schutz seiner Familie garantierte. Im Winter 1943/1944 werden einige im Rennstall befindliche Pferde zum Schutz vor den Fliegerangriffen in das Gestüt nach Neustadt/Dosse gebracht. Im Februar 1945 sind es 16 Pferde, die nach Hohengöhren an der Elbe gebracht werden. 

Nach dem Ende des Krieges wird der Stall von der Roten Armee besetzt. Im Stall wird ein Pferdelazarett eingerichtet, Offiziere werden in den Wohngebäuden einquartiert. Streng genommen kann man spätestens am 1. Dezember 1950 vom Ende des Rennstalls Oppenheim sprechen. An diesem Datum werden die beiden ehemaligen Wohngebäude als Altersheim genutzt. Mit der Errichtung des neuen Altenheims in der Andernacher Straße und dem Umzug am 17. Oktober 2002 in die neue Einrichtung endet hier in der Hauptstraße dann dieses Kapitel. Der Abgetrennte Stallkomplex wird ab den 1950er Jahren als Reitstützpunkt des Bezirksvorstandes der GST genutzt. Ihm folgen der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) und ab 1972 der Sportverein der Bau-Union Berlin als Nutzer. Im Jahr 1996 ist im Stall dann der Pferdesportverein „Historischer Reitstall Neuenhagen“ zu finden, der therapeutisches Reiten anbietet.

Heute befindet sich der Rennstall in privater Hand. Die zur Hauptstraße gelegenen Gebäude sollen seit vielen Jahren zu einem Ärztehaus ertüchtigt werden. Älter als das markante Neuenhagener Rathaus befindet sich die alte Anlage ebenso im Ortzentrum. Wünschenswert wäre ihr Erhalt, denn das einzigartige Stallgebäude gibt es so in Deutschland nicht noch einmal.